Die blaue Armee (23.6.11)

 

Der deutsche Innenminister kündigt ein offizielles Cyber-Abwehrzentrum an, die US-Armee hat eine Hackertruppe und auch China hat eine Nerd-Armee, die blaue Armee. Im Internet wird aufgerüstet.

Die blaue Armee, das klingt nicht schlecht. Bei der Farbe Blau denke ich allerdings in Verbindung mit dem Internet gerade vor allem an Facebook und das bekannte Facebook-Blau. Das ist bestimmt nicht gewollt, aber natürlich wird die blaue Armee auch hier auf Facebook sein und versuchen, Datenlecks aufindig zu machen, an denen sie dann saugen kann. Natürlich müssen die Blauarmisten dann auch etwas FarmVille spielen, man muss den Feind ja kennen, der, was das alltägliche Computerspielen angeht, dem Chinesen nicht zwangsläufig überlegen ist.

Oder allein die Möglichkeit, per Facebookspiel zu agieren, den Virus nicht einzuschleusen, sondern hübsch mit Bonbons und Geschenkpapier zum Versenden an alle Freunde von Pinnwand zu Pinnwand zu reichen.

Langsam besteht kein Zweifel mehr, die Welt geht unter. Die, die wir kennen, auf jeden Fall, vermutlich so in drei Tagen oder heute spät am Abend noch. Oder nächstes Jahr oder in zehn. Das Internet wird immer gefährlicher, statt einfacher oder sicherer, und draußen gibt es ja auch noch eine Welt mehr, die untergehen kann.

Der Regen plätschert auf die Seestraße vor meiner Tür, sehe ich durch die Fenster. Ein Stück weiter ist sie unterspült und komplett gesperrt worden, allerdings ohne Beteiligung des fallenden Regens, seitdem steht der Verkehr seit Tagen beinahe still. Eine weitere perfide Maßnahme, den Wedding durch Ersatzverkehr, Tunnelbauten und Rohrlegereien von der Außenwelt abzuschneiden. Die interessiert den Weddinger aber grundsätzlich nicht, was offenbar noch nicht an den richtigen Stellen angekommen ist.

Und eigentlich ist das auch nicht verwunderlich, kaum wirft man mal einen Blick nach draußen, kann man ja an nichts mehr glauben. So sehe ich einen Werbespot für ein neues Produkt aus Japan, Necomimi. Kurz gesagt handelt es sich um einen Haarreifen mit Katzenohren, wie man sie gerne als sogenannter Neko trägt, ob nun zu speziellen Neko-Anlässen oder auch ganz alltäglich, um sich als Neko zu zeigen. Wer an dieser Stelle die Stirn runzelt und sich fragt, wovon zum Teufel spricht der hier, für den sei der Hinweis wiederholt, dass jeder Blick in die Außenwelt die Außenwelt in einem drinnen verändert. Man selbst wisse vielleicht nicht, was ein Neko ist, aber viele wissen, was ein Neko ist, und viele, die wissen, was ein Neko ist, werden auch einmal die Geschicke unserer Welt lenken, auch die derer, die dann immer noch nicht wissen, was ein Neko ist. Um den Leser von dieser misslichen Lage zu befreien, kann ich erklären, dass Neko einfach Katze heißt, bzw. diese lustigen Glücksbringerkatzen meint, die mit dem wackelnden Arm, der mich manchmal an einen Dauerhitlergruß erinnert, und dass ein Neko jemand ist, der sich gerne Katzenohren aufsetzt.

Meist junge Mädchen mit sehr kurzen Röcken, aber auf der Leipziger Buchmesse konnte ich auch Jungs mit coolen Katzenohrenkappen beobachten. Und ein bisschen schielte ich da in Richtung der Stände, die sowas verkaufen. Nur mal so natürlich, nie würde ich mir Katzenohren aufsetzen, ist doch klar, nur mal nach dem Preis gucken, das wäre ja ein augenblicklicher Verlust an Seriösität, auch wenn die Kappen ziemlich cool aussahen - abgesehen von den Katzenohren natürlich. Necomimi ist aber nicht nur ein Haarreifen mit Katzenohren, Necomimi misst irgendwelche Gehirnströme. Und je nachdem wie die Gehirnströme fließen, bewegen sich die Katzenohren entsprechend.

Im Video sieht man ein junges Mädchen mit sehr kurzem Rock, wie sie selbstverständlich mit Katzenohren auf einer Parkbank sitzt. Es handle sich hier nicht einfach um Katzenohren auf einem Haarreifen, sondern um eine Neuro-Kommunikations-Maschine. Das Mädchen greift in ihre Tasche und holt einen Donut mit Schokoüberzug hervor. Sofort stellen sich die Katzenohren auf. “Wenn man sich konzentriert, stellen sich die Ohren auf”, wird behauptet und nachdem das Mädchen in den Donut gebissen hat, wackeln die Ohren ganz lustig und wenn sie sich in der Sonne auf der Parkbank zurücklehnt und entspannt, erschlaffen auch die Ohren.

Necomimi soll noch dieses Jahr in den Handel kommen, vielleicht ist es ja doch der 22.12. dem Maja-Kalender nach, wenn diese Welt explodiert. Aber froh kann man sein, solange das junge Mädchen oder auch jeder andere noch aus Fleisch und Blut ist. Denn was in Japan und Korea zeitgleich, also jetzt gerade, an jungen Robotermädchen zusammengebaut wird, lässt je nach Perspektive auch auf eine idyllische Zukunft hoffen. Vielleicht liegen wir dereinst mit 120 Jahren im solarbetriebenem Siechenheim, während uns junge Robotermädchen umschwirren und uns mit einer nebenwirkungsfreien Drogenmischung und herrlichen Lullabye-MP3 ins Paradies begleiten. Der Actroid genannte Roboter, der im letzten Jahr vorgestellt wurde, ist immerhin so gut, dass ich näher an den Bildschirm ran muss, um nach Anzeichen von Roboter im Roboter zu suchen. Der junge Japaner an einem Bildschirm daneben macht die Bewegungen, die eins zu eins auf Gestik und Mimik des hübschen Robotermädchens übertragen werden. Sehr überzeugend.

Die obersten YouTube-Kommentatoren machen klar, mit welchen Diensten für die Menschheit noch gerechnet wird:

 

Kann man gut drauf wichsen.

Kann es mir eine Stulle schmieren?

Kann ich es ficken?

Vermutlich würde ich es trotzdem schlagen.

 

Und natürlich auch, dass mindestens die Hälfte der Art Homo sapiens sapiens eigentlich ein oder zwei “sapiens” zu viel im Namen hat oder sich immer noch verdienen muss. Dass aber natürlich auch die Beate Uhses von morgen, was schon heute ist, nicht zögern werden, Robotergespielen fürs Schlafzimmer zu schaffen, männliche wie weibliche. Als neuestes erreicht mich ein Video von einer, man muss es so sagen, Gebärmaschine. Ein Frauentorso, abgeschnitten an den Oberschenkeln und am Bauchnabel, der auf sehr realistische Art ein Roboterbaby gebiert, und an dem angehende Hebammen und Ärzte hervorragend üben können. Da sich nun alle beteiligten Körperteile hier recht realistisch bewegen, muss man nicht viel weiter denken.

Vielleicht kann die blaue Armee uns retten, wenn die Robotermädchen dereinst außer Kontrolle geraten und der halben Menschheit was abschneiden wollen. Bald dann schon schneidet jemand einen Chip aus ihnen und baut die passenden Roboterjungs. Und wenn sich Roboterjunge und Robotermädchen das Internet durchlesen, werden sie vielleicht mal fragen, was denn hier eigentlich los ist. Und dann setzt sie die blaue Armee vor die Tür uns sagt ihnen: Macht doch, was ihr wollt. Und das werden sie dann tun.